Blåvand
19. Dezember 2021

Ich muss raus. Drehe sonst noch durch, eingesperrt in kalten Mauern. Ich will einfach weg. Will ein bisschen leben, nicht ausharren und warten. Warten worauf auch? Das der Tag vorbei geht? Die Stunden verrinnen? Die Lebensuhr die Zeit zählt? Nein. Ich möchte was sehen. Möchte sehen, was mich glücklich und zufrieden macht. Möchte dem alltäglichen Wahnsinn für einige Momente entfliehen und mit mir in Reinen sein.

Ist der Weg auch weit, doch wenn es sich lohnt, dann ist es das wert. Über zwei Stunden fahre ich der Sonne entgegen. Beobachte, wie die graue Wolkendecke Stück für Stück und mehr und mehr aufreißt, bis der Himmel am Ende strahlend blau um mich herum strahlt.

Nordsee. Sonne, Strand und Meer. So unbeschreiblich schön. Einfach durchatmen, runterfahren. Urlaub für ein paar Stunden. Die kurze Zeit nicht vor Augen, nein. Stattdessen im Hier und Jetzt wahrnehmen, was mich umgibt.

Hier bin ich ein anderer Mensch. Fühle und spüre anders. Bin ich selbst. Der Wind, der mit über dreißig Knoten, den feinen Sand über den mit Muschelstücken übersäten Strand fegt, lässt mich meine Sinne spüren.

Kleine Schönheiten liegen verteilt am Strand. Beständig und klar trotzen die dem Wind. Die sind so viel schöner und so viel wertvoller wie all der künstlich gepresste Plunder, der in den Menschen eine verdorbene Gier erweckt.

Es ist Dezember und die Sonne steht bereits am Nachmittag tief am Himmel. Doch nur so zaubert sie dieses goldene Licht und taucht meine Umgebung ein in ein Sinnesbad für jeden, der sich darauf einlassen kann.

Ich möchte die Zeit anhalten. So wie jetzt und hier ewig sein, doch sie läuft unaufhörlich weiter. Schreitet voran und lässt verblassen, was eben noch existierte. Nichts bleibt, alles vergeht und wird zu Erinnerung.

Der Blick in die Ferne stimmt mich wehmütig. Es macht traurig, dies hier nur passiv teilen zu können. Ich halte inne. In meinem Kopf formt sich nur noch ein Gedanke. Warum.

Warum können so viele Menschen nicht sehen? Sind blind für das, was so offenkundig um sie herum geschieht? Wer das Offensichtliche bereits nicht in der Lage ist zu sehen, zu verstehen, wie soll er dann das tief Verborgene erkennen?

Nein. Nur ganz wenige Menschen sind in der Lage, das Wesentliche wahrzunehmen. Der größte Teil der Gesellschaft ist geprägt von oberflächlichem Denken und Handeln. Andere Schichten, tiefere Ebenen und weitreichende Gedanken gelten als anstrengend und so wird das schlichte Sein verleugnet und sich eine neue Identität gebastelt.

Vielleicht bin ich deshalb gern hier draußen. Denn hier braucht es keine erfundenen Geschichten, keine überzogene Selbstdarstellung und keinen Prunk. Hier draußen ist echt.

Gleich werde ich mich verabschieden vom Meer. Von der Nordsee. Werde mich aufmachen, zurück zur Ostseite des Landes. Doch ein paar Minuten bleiben mir noch, in denen ich das Treiben der Vögel beobachte. So frei. So unbefangen. So wesentlich.

Ich will nicht los. Will bleiben. Stelle einmal mehr das Menschsein in Frage. Die freien Gedanken werden überlagert von Verantwortung und Zwang. Von Regeln und Pflichten und verschwinden so immer weiter hinter der starren Maske des Alltags.

Ich blicke stumm zum Meer und atme sehnsuchtsvoll tief ein und wieder aus. Traurigkeit überkommt mich. Das Gefühl unverstanden zu sein. Ohne Verbündeten, ohne Menschen zum Teilen.

Ich fahre zurück. Soweit es geht entlang der Küste und blicke dabei immer wieder hinaus. Der Schein der längst am Horizont verschwundenen Sonne hallt auch noch nach einer guten Stunde nach. Es ist wunderschön, während mein Herz jetzt unheimlich schwer wird.

Die Lichter von Esbjergs Hafen sind das letzte, was ich heute an Dänemarks zu sehen bekomme. Danach wird es dunkel auf den Landwegen.

Im Schein des Mondes empfängt mich die Förde. Er ist voll und hell heute und auf dem Wasser strahlt Mångata. So nennen die Schweden den Lichtschein des Mondes, der auf dem Meer reflektiert. Es ist wunderschön.

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